Der Sauerteig

(heißt so, weil du nach diesem Experiment sauer, bwz. stinkwütend bist)

Yay, Sauerteig. Bakterien, die schnödes Roggenmehl wie durch Zauberhand zu einem wohlriechenden, aromatisch triebstarken Teig verwandeln. Das will ich auch! Autark leben in meiner kleinen Stadtwohnung. Back to the roots. Ich mach mein Brot selber! Mach ich ja schon seit Jahren. Mit Retorten-Hefe aus der Tüte, aber die hat ja sogar Biosiegel.

Sauerteig soll es jetzt sein. Das ist kultig und hipp und ich habe mich durch die gesammelten Werke von Geißler, dem Brotdoc und all den einschlägigen BloggerInnen gearbeitet, die ihre Tipps über Pinterest verlinken mit diesen wunderschönen Brotbildern. Güldene Laibe auf rustikaler Arbeitsplatte. Das Mekka der Diabetesmedizin und die Gehenna aller No-Carb-Fitness-Sternchen.

Styroporbox, Tigerentenwärmflasche und Bratenthermometer. Ich bin quasi ausgestattet wie ein Biowaffenlabor und ähnlich wissenschaftlich wage ich mich an den ersten Ansatz. Wecker gestellt, Mehl immer frisch aus der Ökomühle, bereite ich den Sauerteig nach allen Regeln der Kunst und einem anspruchsvollen Rezept folgend zu. Ich will nicht die einfache Lösung, bei der nur jeden Tag dieselbe Menge Wasser und Mehl vermischt wird. Ich will einen Profiteig. Weißweinaromen soll er haben und verführerisch duften. Lutz Geißler, du hast deine Endgegnerin gefunden! Akribisch befolge ich die Anleitung, die ich studiert habe wie ein 16-Jähriger Yourporn.

Der Teig wächst. Port. Bäumt sich auf in meinem Joghurtglas. Majestätisch. Ich beherrsche die Welt der Milchsäurebakterien. Hefen klatschen Applaus, wenn ich das Glas öffne. Nur daran riechen sollte man nicht. Aromatisch ist der Ansatz irgendwie schon … nur leider fördert er statt Speichelfluss den Würgereflex. Das wird bestimmt noch besser. Ich rede meinem Teig zu. Er braucht Liebe und Aufmerksamkeit. Ich überzeuge zumindest mich selbst, dass er total super ist.

Am letzten Tag halte ich mein Ergebnis meinem Freund unter die Nase. Er wird bleich. Ich deute es als Ehrfurcht. Er als Brechreiz. Meine Illusion zerbirst in diesem Moment. Ich heldenhafte Stadt-Eremitin muss meine Vision vom urbanen Bauerntum begraben. Ich bin kläglich gescheitert. Der Teig wird entsorgt. Dabei zeigt er, dass er mehr kann als stinken. Er verklebt die Spüle, das Siphon und die Spülmaschine. Heilige Dreifaltigkeit. Zum ersten Mal frage ich mich, ob Jesus sein Brot ge- oder erbrochen hat. Ich vertusche die Spuren meiner Tat und back mir Schokoladenmuffins mit Weißmehl und Backpulver. Kenne deine Grenzen.

Die Leiden einer jungen Bäckerin

Mein ramponiertes Ego konnte sich etwas erholen. Ich habe das 12er Blech Muffins in drei Tagen leergefuttert. Mein Glukosespiegel ist auf Höhenflug und die euphorisierende Fett-Zucker-Mischung wirkt auf mich wie Pervitin. Sauerteig, ich bin deine Nemesis! Mit Tipps von Muddi bewaffnet, wage ich mich an den nächsten Versuch. Ich lasse mich nicht unterkriegen. Ich bin stark und ausdauernd und habe studiert und einen Führerschein. HA! Da wird doch wohl ein Sauerteig drin sein! 50g Roggenmehl, 50g Wasser … jeden Tag füttern.

Der Ansatz ist umgezogen. Keine kuschelige Tigerente mehr, dafür der finstere Fernwärmeleitungskasten. Der hat knapp 30 C°. Perfekt zum Brüten. Roggi ist ein fahler Typ. Täglich wachsen seine teigigen Poren. Haare hat er keine. Leichter Fuselgeruch lacht mir von seinem Konterfei entgegen, jedes Mal, wenn ich ihn aus seinem gläsernen Gefängnis locke. Aber mit solchen Typen kann ich. Kein Moder, kein Muff. Ein bisschen Essig und Alk, der herbe Duft von harten Kerlen. Er will meistens seine Ruhe. Ist einer von den Stillen. Bekommt nur die notwendige Aufmerksamkeit. Ich bin hart zu ihm. Er dankt es mit langsamen Wachstum. Aber mit Wachstum. Am fünften Tage auferstanden von den Broten klingelt es in meinem Ohr … Ich sollte backen.

Ich halte mich brav an Muddis Rezept. Feucht ist der Teig. Erinnert ein bisschen an die Baustelle gegenüber, als dort die Mauer zementiert wurde. „Egal“ ruft der Wendler in meinem Kopf. Ich zieh das durch. Die Teigrührmaschine knetet. Der Teigling soll sodann in eine Schüssel wandern. Allerdings erinnert er optisch eher an Diarrhoe. Er lässt sich nicht formen und ich klatsche ihn wie eine Kelle Mörtel in die geölte Schüssel in der er nun wachsen soll. Es tut sich nix. Ich stell ihn wärmer. Er stellt sich tot. Und wieder höre ich den inneren Wendler schmettern „EGAL“. Der Teig wandert in seine letzte Ruhestätte. Die Kastenform für die ich eigens ein Backpapier dreidimensional mit Falte- Mechanismus zugeschnitten hab nach einschlägigen Anleitungen diverser Hausfrauenblogs. Roggi hat sich zu einer grauen Wurst gewandelt, der ich statt Asche ein wenig Roggenschrot aufs Haupt gestreut hab.

Traurige Teigwurst

45 Minuten soll er gehen. Er geht nicht. Ich lass in 5 Stunden beleidigt brüten. Es tut sich nix. Ich ziehe die letzte Konsequenz und backe ihn. Graue Wurst wird zu brauner Wurst. Außen knusprig, innen roh. Keine Porung, kein Wachstum. Kein Aroma. Keine glücklichen Familiengesichter…nicht mal in meiner Phantasie. Ich bin gescheitert auf der gesamten Sauerteiglinie. Gnadenlos. Unvertuschbar. Roggis sterbliche Überreste wandern in den Kompost. Ich habe zuvor eine Krähe verständnislos den Kopf schütteln sehen, als ich ihr mein Backwerk anbot. Von den Muffins habe ich noch Bauchweh.

Sauerteig im Kompost

Ich hol mir ‘nen Falaffelyufka und blättere durch meine Insta-Nachrichten um ein paar Endorphine heraufzubeschwören. HA! Eine Nachricht. Eine Hörerin bietet mir einen Sauerteigableger an. Ob ich zuschlagen soll?